[Classic Review] 10000 Guarded Inn

  • Hallo liebe Steinchenfans,


    für meinen ersten Baubericht hier habe ich ein ganz besonderes Set ausgesucht. Zum einen für mich persönlich, da es eins der ersten LEGO Sets meiner Kindheit war und zum anderen innrhalb der LEGO Produktlinien, denn etliche Jahre vor dem Taj Mahal und der Saturn V wurden bereits schon einmal eine ganze Reihe von verschiedenen Sets neu aufgelegt.


    Daten:
    Nummer: 10000
    Name: Guarded Inn (dt.: Gasthaus mit Rittern)
    Reihe / Themenwelt: "Legend"
    Jahr: 2001
    Preis: 49,95 DM (S@H Exclusive)
    Teileanzahl: 246 (Angabe nach Lego-Zählweise)
    Preis / Stein: 20,3 Pfg.
    Figuren: 4


    Erstmals erschienen ist dieses Modell 1986 und wurde damals im deutschen Lego-Katalog wie folgt beschrieben: „6067 Wachhaus mit Pferdestall, Burgmauer, Wachposten, Burgfräulein, Ritter und Pferd“.


    2001 kam Lego dann auf die Idee eine Reihe alter "Klassiker" wieder aufleben zu lassen. Ob das mit der damaligen finaziellen Krise zusammenhing weiß ich nicht, kann es mir aber gut vorstellen. So gab es unter anderem den Zug "4558 Metroliner" von 1991 nun unter der Nummer 10001, und den passenden Ergänzungswaggon gleich mit der neuen Nummer 10002 dazu. Ein Jahr später, also 2002, wurde dann zudem auch noch die ehemalige "6074 Black Falcon's Fortress", wie das Guarded Inn aus dem Jahre 1986, unter der Nummer 10039 neu aufgelegt. All diese Sets wurden 1:1 zu ihren Originalen in der dafür geschaffenen Serie "LEGEND" vertrieben, ein meines Wissens nach einmaliger Vorgang in der Lego Geschichte. Im Shop@Home Katalog "Herbst/Winter 2001" wurde das Set 10000 schließlich unter dem deutschen Namen "Gasthaus mit Rittern" präsentiert.

    Die Besonderheit der Serie spiegelt sich auch deutlich in der Verpackung wieder:



    Diese ist sehr untypisch komplett in schwarz-weiß gehalten, trägt den Schriftzug "LEGEND" und enthält oben rechts auch einen kurzen Verweis auf das Originalset von 1986.

    Die Rückseite ist ebenfalls abweichend zum bekannten Design, statt den üblichen Spiel- oder früher auch Umbaumöglichkeiten gibt es einfach nur den damaligen Slogan von LEGO "just imagine..." zu sehen:


    Kommen wir zum eigentlichen Set. Die Anleitung wurde aus dem Jahr 1986 übernommen, einzig die Setnummer wurde geändert. Dadurch ergibt sich ein sehr direkter Einstieg ohne Cover, Vorwort der Designer oder Hinweise auf nummerierte Beutel und die Benutzung eines Steinetrenners ;)



    Der gesamte Aufbau umfasst nur 30 Bauschritte und da es damals noch nicht üblich war die verwendeten Teile bei jedem Bauschritt anzugeben, muss man ganz schön aufpassen um nichts zu übersehen :D


    Hier ein kleiner Einblick in die erste Doppelseite:



    Damit sind wir auch schon beim Aufbau des Sets angelangt.

    Gleich zu Beginn kann man schon erkennen, dass sich etwas aufklappen lässt. Auch ein Ofen / Kamin wird gebaut, der später im Innenraum für Wärme sorgen soll oder der Wirtin ermöglicht warme Speisen für die vorbeikommenden Gastleute zuzubereiten.



    Danach geht es schnurstracks weiter mit der vorderen Fassase, die nach 15 Bauschritten (also immerhin der Hälfte) gut erkennbar vor uns steht. Besonders hervor stechen dabei das im Fachwerk-Stil bedruckte, rote Wand-Panel, die blaue Tür und das mit Kelchen und Trauben bedruckte Schild, das nach vorne zur imaginären Straße ragt.



    Danach folgt die Stadtmauer, an der das Gasthaus steht. Diese wird aus vier grauen Panelen gebaut, von denen eins ebenfalls bedruckt ist:



    Hier fällt bereits auf, dass die Mauer zu beiden Seiten einen Technic-Brick besitzt, durch die sie sich (ähnlich zu den heutigen Modular Buildings) vermutlich mit der 6074 Black Falcon's Fortress oder anderen Modellen des gleichen Stils aus der damaligen Zeit verbinden lässt. Oder man baut einfach eine Erweiterung Stadtmauer nach eigenem Geschmack an, es ist ja schließlich LEGO.


    Die Mauer wird anschließend mit dem Haupthaus verbunden, und mithilfe eines Bogen-Elements entsteht ein Stall, damit die Pferde der ankommenden Gäste versorgt werden können.




    Weiter geht es mit der noch fehlenden Seitenwand, die aus zwei passend zum roten Fachwerk-Panel bedruckten Eck-Panelen mit einem Fenster dazwischen besteht. Dort und auf der gegebüberliegenden Seite werden zwei Bögen angebracht, die im weiteren Verlauf den Dachstuhl bilden.:



    Mit dem Dach geht der Aufbau weiter. Es besteht hauptsächlich aus schwarzen 2x8x1 Dachsteinen (7x) und erhält an der Spitze eine Vorbereitung für einen weiteren Aufbau. Schön finde ich hierbei das kleine Dachfenster aus umgedrehten "Laternen"-Steinen.


    Und damit das "Guarded Inn" seinem Namen auch gerecht wird und richtig schön bewacht werden kann, haben die Designer dem Wirtshaus neben der Mauer noch einen kleinen Wachturm auf dem Dach spendiert:


    Fast alle Steine sind nun verbaut und es fehlt nur noch etwas Dekoration und Einrichtung.


    Im letzten Bauabschnitt wird deshalb der Innenraum ausgestattet, es werden Blumen gepflanzt und die Figuren kommen in die Szene:


    Und noch einmal von der Vorderseite mit aufgeklappter Fassade:



    Das Wirtshaus ist also nicht nur von hinten durch die offene Rückseite bespielbar, sondern auch von vorne.


    Kommen wir nun zu den Figuren:

    Enthalten sind vier Minifiguren und ein weißes Pferd: zwei Wachen (ein Bogenschütze und eine Wache mit Lanze), ein Ritter sowie ein Burgfräulein (laut damaligem Legokatalog), wobei ich sie eher als Gastwirtin gesehen habe. (Die Standplatten sind natürlich nicht enthalten :D)



    Alle vier Figuren besitzen das LEGO Standardgesicht mit freundlichem Lächeln, das erste abweichende Gesicht kam erst drei Jahre nach dem ersten Erscheinen des Sets auf den Markt. Zudem besitzen alle einen auf der Vorderseite bedruckten Torso, und zwei Figuren einen bedruckten Schild. Neben dem Köcher des Bogenschützen, der bis in die heutige Zeit überlebt hat, haben auch der blaue Ritter und die Wirtin etwas für um den Hals spendiert bekommen: die ersten Umhänge für Minifiguren, damals noch aus Kunststoff! Diese wurden bis Ende der 90er Jahre verwendet und erst dann durch Umhänge aus Stoff abgelöst.

    Durch die neutralen Gesichter und die Tatsache, dass LEGO die Parteien nicht von vornherein in "Gut" und "Böse" eingeteilt hat, ergaben sich in der damaligen Ritterwelt viele Spielmöglichkeiten. War der blaue Falkenritter ein gern gesehener Gast im Wirtshaus auf dem Weg zu einer Burg (die ja auch im Sortiment war)? Oder gab es Angriffe der Falkenritter auf die Stadtmauer und damit das Gasthaus? Das alles blieb in den 80ern und durch die Neuauflagen auch Anfang des Jahrtausends den Kindern selbst überlassen. Heute würden einige wohl eine bedruckte Rückseite, bedruckte Beine beidseitige, zumindest aber verschiedene Gesichter erwarten. Doch mir sagt der Charme der damaligen Figuren auch als jemand, der schon mit einer breiten Palette an Minifiguren-Gesichtern aufgewachsen ist, immer noch zu.

    Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die Teile eingehen. Hier muss man alles natürlich in Relation zur damaligen Zeit sehen, 1986 umfasste die LEGO Palette weit weniger Teile als heute. Es fällt sofort auf, dass sehr viele "Standard"-Teile, wie 1x1, 1x2, 1x4, 1x6, 2x2 und 2x4 verbaut sind, ebenso verhält es sich mit den Platten und Dächern (sieben 2x8 Dachsteine in schwarz, ein Traum!). Aus heutiger Sicht wäre wohl kaum etwas besonderes dabei. Und doch würde heute solch ein Set sicher vielen benötigte Steine und Platten liefern können, die bei Bricklink bestellt werden weil man sie aus den Sets nicht in entsprechender Anzahl für seine MOCs beziehen kann.


    Besonders für das Set ist, dass im Set alle damals vorkommenden Farben verwendet werden (weiß, schwarz, rot, blau, gelb, braun, grün, hellgrau, dunkelgrau). Selbstverständlich noch in den alten Farbtönen Light Grey, Dark Grey und Brown.

    Da die Beurteilung von besonderen Teilen aus heutiger Sicht für ein Set von 1986 natürlich schwierig ist, habe ich hier eine kleine Unterscheidung eingeführt (ich nenne das System VIP² ;)):

    1) "Very important Parts" (Teile die damals / für das Set wichtig oder besonders waren)

    2) "Very interesting Parts" (Teile die aus heutiger Sicht interessant / besonders sind)


    Very important Parts:


    Das Guarded Inn war mit das erste Set in dem die Kelche verwendet wurden. Ebenso war es eins von nur zwei Sets im kompletten Jahrzehnt der 1980er Jahre, in dem der schwarze Winkelfirst (auf dem Dachfenster verbaut) enthalten war.

    Wichtig für die damalige Bauweise waren vor allem zwei spezielle Teile: das 2x5x6 Wand-Panel (natütlich auch die zugehörigen Eckteile) und der 1x4 Hinge Brick (das Scharnier).


    Mit Ersterem konnten große Mauern schnell (und herstellungsseitig vermutlich günstig) aufgebaut werden und das Scharnier ermöglichte ein Öffnen der Mauern, sodass wie beispielsweise im Set 6077 Forestmen's River Fortress von vier Seiten geschlossene Gebäude gebaut wurden, die sich dann aufklappen ließen, um Zugang zum Spielen zu ermöglichen. Die Burg 6074 Black Falcon's Fortress ist ebenfalls nach diesem Prinzip aufgebaut. Hier beim Guarded Inn werden, wie beim Aufbau gezeigt, die seitliche Stadtmauer aus Panelen gebaut, Front und Seite enthalten ebenfalls solcher Panele und die Front lässt sich dann wie beschrieben mithilfe zweier Scharniere aufklappen.



    Very interesting Parts:


    Aus heutiger Sicht fallen besonders die bedruckten Teile ins Auge. Die Panele in rotem Fachwerk gab es einzig und alleine in diesem Set (1986 und 2001), in der Black Falcon's Fortress waren sie noch in gelb verbaut. Auch das Eingangsschild mit dem Gasthauswappen in Lego-Kelch-Optik war exklusiv in diesem Set. Das graue bedruckte Panel, heute auch noch ein Hingucker kam damals in einigen Sets vor, regulär zum letzten Mal jedoch 1990.



    Funfact zum Schild des Wirtshauses: Das Design bestehend aus zwei Kelchen und Weintrauben wurde 2020 beim Set 21322 Pirates of Barracuda Bay als Hommage an das alte Set ebenfalls für das Schild über der Schenke verwendet (hier zu finden).

  • Abschließende Zusammenfassung:


    Aufbau (4/5):

    Auch ohne besondere Bautechniken (aus heutiger Sicht) macht der Aufbau durch die ungewohnte Art der Anleitung Spaß und bietet viel Abwechslung. Zudem muss man immer aufpassen, keinen Stein zu übersehen, da die Änderungen weder angegeben noch umkreist sind. Besonders zu Beginn beim Setzen der ersten Steine auf die 6 x 16 Platte ist Vorsicht geboten, um keinen Fehler zu machen. Und Sticker gibt es auch keine :biggrin:


    Minifiguren (3/5):

    Die aus heutiger Sicht fehlenden Details werden meiner Meinung nach durch den Nostalgie-Faktor und die nicht mehr erhältliche Torsos und Umhänge ausgeglichen. Zudem sind alle Minifiguren bestens mit Utensilien ausgestattet (Bogen, Lanze, Schwert, Schild, Kelche, Bratpfanne, ...) und ein Pferd ist ebenfalls enthalten.


    Spielspaß (4/5):

    Durch die neutralen Figuren ohne Wertung ihrer Zugehörigkeit bleibt vieles offen und man kann sich eine eigene Welt gestalten. Funktionen im Herkömmlichen Sinn bietet das Set nicht, durch die offene Rückwand, die aufklappbare Front, den Stall, den Wachturm und die Mauer bietet es aber viel Spielfläche für Figuren, die zudem noch mit vielem und gutem Zubehör daherkommen. Für die Gesamtwelt mit allen damaligen Ritter-Sets würde ich jedoch auf jeden Fall 5/5 vergeben.


    Nostalgie (5/5):

    Auch wenn ich erst knapp 10 Jahre nach Erscheinen des Originalsets zur Welt kam, bin ich doch mit den Sets und alten Katalogen meines Vaters aufgewachsen und habe als Kind auch einige Sets dieser Zeit auf dem Flohmarkt gekauft. Ich verstehe auf jeden Fall warum genau dieses Set in die "LEGEND"-Serie aufgenommen wurde! Die Figuren, die Fachwerk-Panele und die Bauweise sind quasi eine Blaupause für die Ritter-Sets Mitte der 80er Jahre.


    (Auf die Bewertung zu Preis/Leistung verzichte ich, da ich weder den Originalpreis von 1986 kenne, noch anfangen will Theorien aufzustellen, was das Set heute kosten würde oder was es mir heute Wert wäre. Ich habe es zum Geburtstag bekommen als ich noch zu jung war um mir über Preise Gedanken zu machen, und durch all die Jahre in denen es mir Freude bereitet hat ist es für mich sowieso unbezahlbar )


    Ich hoffe euch hat mein Classic-Review gefallen! :) Wenn Interesse besteht, stelle ich in nächster Zeit eventuell öfter mal alte Sets von mir vor, zur Zeit wühle ich immer wenn ich Zeit habe in alten Kisten, um alle Teile für die Sets der Orient Expedition zusammen zu suchen. 8)


    Viele Grüße,

    Tobias

  • Danke für diesen ausführlichen Baubericht. Auch wenn ich keine Ritter-Sets habe ist dieses hier ein super Beispiel für "altes Lego" und seine Spielmöglichkeiten.

    Gerne mehr Reviews aus dieser Zeit.

    Grüße aus dem Bergischen Land

    Keine ungeöffneten Kartons sammeln, sondern bauen!

  • toll, was Du Dir für Arbeit gemacht hast!

    Hat mir viel Spaß gemacht dem Bericht zu folgen.

    Klar! Gerne mehr davon😀

    Diese Paneele haben wir in unserer Rittersammlung. Ein toller Druck finde ich. Die Seitewände kannte ich aber noch nicht.